25 Jahre als Tierärztin im Biberacher Tierheim - damals und heute...

Am 1.6.1990 war es soweit: Nach 8 Jahren als angestellte Tierärztin hatte ich meinen ersten Arbeitstag in der eigenen Praxis im Biberacher Tierheim. Wie bei meinen Vorgängern waren die Sprechstunden zunächst auf je 2 Stunden am Mittwoch und am Samstag beschränkt, was der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben mit meinen vier zu der Zeit noch sehr kleinen Kindern durchaus entgegenkam. Die Praxis bestand ursprünglich aus zwei Räumen und der Bank auf dem Flur als 'Wartezimmer'. Der Tierschutzverein hatte zu der Zeit ca. 300 Mitglieder und Frau Bingel war Tierheimleiterin und Dreh- und Angelpunkt für alles, was im Tierheim passierte. Die Kleintierarztkollegen im Raum Biberach waren damals alle männlich und Tierkliniken gab es - wenn überhaupt- in München und Stuttgart.

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2000 mit Gabi Rehm (als Tierarzthelferin seit 1997 durchgehend in der Praxis)

Insofern war Eigeninitiative gefragt bei den vielseitigen Problemen, mit denen ich v.a. durch die Tätigkeit im Umfeld des Tierheimes konfrontiert wurde. Ein Patientenspektrum, das nicht nur die üblichen Kleintiere wie Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster, Ratten, Mäuse, Wellensittiche und Kanarienvögel umfasst, sondern auch Frettchen und Wildtiere wie Füchse, Rehe, Dachse, Marder, Eichhörnchen, Wildvögel, Igel… Für meine Kinder war es herrlich, wenn ich mal wieder ein Eichhörnchenbaby oder einen Wurf Katzenbabys zur Flaschenaufzucht mit nach Hause brachte. Wir hatten selber ein paar Milchziegen, von deren Milch fast alle Jungtiere im Tierheim profitieren konnten: Zwei bis drei Liter pro Tag konnte ich immer mitbringen.

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Ca. 1992 mit Elke Kreuzer (Tierarzthelferin von 1990-2000)

Und tierärztlich versorgt wurde auch irgendwie alles: Die Ente mit dem gebrochenem Fuß wurde genagelt, dem verletzten Igel wurden die Maden aus der Wunde entfernt, der Schildkröte der verschluckte Angelhaken aus dem Schlund operiert…

Vieles davon hatte ich weder an der Uni noch bei meiner ersten Assistentenstelle lernen können. Auch gab es diesbezüglich noch keine Fortbildungen. Und es war, wie bereits erwähnt, keine Überweisungsklinik in der Nähe. So wurde aus der Not eine Tugend gemacht, die kranken und/oder verletzten Tiere wurden nach bestem Wissen und Gewissen versorgt, sozusagen 'learning by doing'. Wie oft habe ich mich damals v.a. operativ in Neuland begeben! Und wir gewannen sehr viel an Erfahrung.

Überhaupt kann man sich heutzutage kaum noch vorstellen, mit welch simplen Mitteln noch 1990 gearbeitet wurde. Untersuchungen der Patienten wurden fast ausschließlich durch Anschauen, Riechen, Fühlen, Fiebermessen, einfach durch genaues Wahrnehmen des kranken Tieres durchgeführt. Ansonsten stand mir zur Diagnostik glücklicherweise noch ein bereits vorhandenes Röntgengerät zur Verfügung. Laboruntersuchungen gab es damals in geringem Umfang für Hunde, für Katzen liefen gegen Ende meines Studiums (1980) gerade die ersten Untersuchungen bzgl. der Referenzwerte an. Genauso wenig existierten brauchbare Narkosevorgaben für die diversen Heimtierarten. Natürlich gab es zu der Zeit auch noch keine Ultraschallgeräte in der Tiermedizin und meine Praxis-EDV war eine der ersten, die in Deutschland auf dem Markt waren. Auch meine Doktorarbeit habe ich noch eigenhändig auf einer mechanischen Schreibmaschine Seite für Seite getippt.

An meiner ersten Stelle als Assistentin wurden die Rechnungen nicht einmal mit der Schreibmaschine, sondern einmal im Monat von Hand geschrieben. Hier fuhr ich zunächst auch auf Großtierpraxis, was für die oberschwäbischen Bauern seinerzeit noch sehr gewöhnungsbedürftig war: eine Frau als Tierarzt, heute das Normalste der Welt. Die Kommunikation in den Großtierpraxen lief damals über Funkgeräte, die in den Praxisautos installiert waren. Das häusliche Praxistelefon musste rund um die Uhr von jemandem (Tierarzthelferin, Familienmitglied...) gehütet werden, der die Anrufe dann per Funk weitergab.

Das alles erübrigt sich im heutigen Handyzeitalter: Wir sind jetzt - und das ist für die Tierbesitzer heutzutage schlichtweg Normalität, aber auch schon unverzichtbarer Anspruch geworden - zu jeder Zeit überall erreichbar! Nichterreichbarkeit ist ein 'no-go'. Das ist für die Notfallversorgung der Tiere natürlich ein Fortschritt, kann aber für den betroffenen Tierarzt durchaus zum Belastungstest werden.

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2010 mit Sabine Kummer, Gabi Rehm und Sandra Maier (Tierarzthelferinnen), Silke Dirlewanger (Azubi) und der damaligen Tiermedizinstudentin Christina Willberg

Ist das vorab Beschriebene wirklich erst 25 Jahre her? Kaum vorzustellen, wenn man eine heutige Praxis anschaut, in der ohne PC und Handy tatsächlich gar nichts mehr funktioniert, in der bald alles digitalisiert ist und ich als Tierärztin einen IT-Spezialisten brauche, um mein inzwischen digitales Röntgengerät mit meiner Praxissoftware vernetzt zu bekommen und meine Homepage halbwegs auf Vordermann zu haben. Und dabei sind wir Praxen im Vergleich zu den Tierkliniken ja noch geradezu minimalistisch eingerichtet, dort sind inzwischen ein MRT oder CT Standard, dazu für nahezu jede Tätigkeit möglichst ein spezialisierter Kollege. Ich weiß somit zumindest, dass ich als Allrounder in Spezialfällen immer eine Klinik in der Nähe habe, wo alle neuesten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Klar, dass der Kreuzbandriss heutzutage besser dort von einem orthopädisch/unfallchirurgisch spezialisierten Kollegen operiert wird, der das jeden Tag macht, als in einer Praxis, in die ein- oder zweimal im halben Jahr ein Patient mit solch einer Verletzung kommt. Selbst wenn das bei uns früher gut funktioniert hat und mir solche Herausforderungen auch immer viel Freude bereitet haben, trifft es wahrscheinlich nicht mehr den aktuellen Zahn der Zeit mit z. B. auch anschließender Möglichkeit einer klinisch angegliederten Physiotherapie etc…

Aber auch wenn orthopädische Spezialitäten teilweise wegfallen (ein 'normaler' Knochenbruch gehört weiterhin zu meinem Repertoire :-), ist die Chirurgie grundsätzlich meine Leidenschaft geblieben. Es ist unfassbar, allein wie viele Katzen ich in der privaten Praxis und für das Tierheim in den letzten 25 Jahren insgesamt kastriert habe. Es werden um die 10 000 sein. Und es bleibt ein Fass ohne Boden: Vor allem im Frühjahr und Herbst werden alljährlich im Rahmen von Tierschutzmaßnahmen viele Kastrationen herrenloser mit Fallen gefangener und dann wieder frei gelassener Kater und Kätzinnen zusammen mit dem Tierschutzverein durchgeführt, trotzdem gehen die unkastrierten Katzen nie aus. Jetzt stelle man sich mal vor, die 10 000 Katzen hätten sich in den letzten Jahrzehnten im Kreis Biberach auch immer noch weitervermehrt...

Erfreulicherweise haben sich in den letzten Jahren nicht nur die medizinischen Standards und Technologien unglaublich weiterentwickelt und verbessert, auch das ethische Bewusstsein der Menschen und ihr Verantwortungsgefühl für all unsere Mitlebewesen auf dieser Erde und die gesamte Natur hat sich verändert. Das Tierheim Biberach mit all seinen Mitarbeitern nimmt hier mit Sicherheit eine gute Vorreiterrolle ein: Jedes Tier, jedes Wesen hat dasselbe Recht auf sein artgerechtes Lebensglück. Wir bemühen uns alle miteinander, diese Wertschätzung auf alle lebenden Wesen anzuwenden. Bei allem, was dabei noch unbefriedigend sein mag, ist es schön mitzuerleben, dass sich in den letzten Jahrzehnten die Haltungsbedingungen nicht nur für viele Hunde und Katzen verbessert haben, auch z. B. die kleinen Nager werden als Haustiere nun im Großen und Ganzen artgerecht mit Freilauf und mindestens zu zweit gehalten und dementsprechend ebenfalls bei Bedarf kastriert.

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2015: Unser aktuelles Team mit Dr. Christina Dudik (meine Tochter), Ilona Schneider, Gabi Rehm und Sabine Kummer

Hilfreich für die Gesamtentwicklung ist sicher, dass sich seit 1990 auch die materiellen Möglichkeiten der meisten Tierbesitzer - zumindest hierzulande - verbessert haben. Bei uns im Kleintierbereich - auch im Tierheim durch spezielle Unterstützer - finden wir immer irgendeine Möglichkeit, eine erforderliche Behandlung zu finanzieren. Es gibt Gottseidank den Fall nicht mehr, dass nur aus Kostengründen eine Behandlung nicht durchgeführt werden kann, was 1990 durchaus immer mal wieder Diskussionsthema war. Heutzutage ist sogar eher die Qual der Wahl das Thema als die fehlenden Möglichkeiten. Das zeigt sich in vielen Bereichen: Während z. B. vor 25 Jahren gerade mal mancherorts ein Schäferhundeplatz zu finden war, wimmelt es inzwischen von Hundeschulen und allen Varianten von Hundesport und Tierverhaltenstraining.

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mit Hund Barolo - 2008

Und vor lauter Futtermittelvielfalt weiß man kaum noch, was man den Tieren geben soll. Umso wichtiger ist eine gute fachlich kompetente Informationsarbeit, um die wir uns als Praxis bemühen. Und weil der Biberacher Tierschutzverein da in den letzten Jahrzehnten auch sehr aktiv war, hat er derzeit rund 2000 Mitglieder und ein großes Team von Ehrenamtlichen. Darüber hinaus machen die Angestellten einen richtig guten Job und es macht Spaß, mit ihnen als Tierarztpraxis zusammenzuarbeiten.

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Ca. 2008 mit Ewa Müller (Tierarzthelferin von 2000-2010)

Auch mein Team hat sich in der langen Zeit natürlich verändert und vergrößert. Meine jüngste Tochter kennt das Tierheim seit ihrem 3. Lebensjahr, ist inzwischen selber Mutter von zwei Kindern, seit drei Jahren fertige Tierärztin und möchte meine Praxis später einmal gern weiterführen. Was wird sie in 25 Jahren wohl zu berichten wissen? Ob 2015 dann rückwirkend genauso wie aus einem anderen Leben erscheinen wird wie heutzutage 1990? Ich hoffe, ich werde es erleben, dann natürlich aus dem Ruhestand :-) und freue mich darauf.

Auf eine weitere gute Zeit und Zusammenarbeit mit Ihnen allen!

Ihre Gudula Willberg

aus: Arche Noah Nr. 30, August 2015 (Die Zeitung des Tierschutzvereins im Landkreis Biberach e.V.)

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